Swetlana Alexijewitsch: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“

Veröffentlicht am 27.08.2020 in Kultur

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir einen Artikel aus der TS aktuell 2016, in der Eva Liebchen die belorussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch vorstellte:

Eine Bücherbesprechung

 In der Literarischen Welt gibt es Streit, ob die Bücher der russischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch nicht eher (politischer) Journalismus sind, keine Literatur. Das ist verständlich, denn die meisten ihrer Werke sind vom Tonband ins Schriftliche übertragene Ausschnitte aus Gesprächen mit Betroffenen. „Betroffen“ im wahrsten Sinne des Wortes, weil Menschen, die sich in katastrophalen Situationen befinden, zu Wort kommen:

„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“.


Hier schildern russische Frauen ihren militärischen Einsatz im 2. Weltkrieg. Russland, die Ukraine und Weißrussland schweigen  bis heute darüber. Es gab nicht nur Krankenschwestern und Ärztinnen sondern auch Fliegerinnen, weibliche Scharfschützen und Panzersoldatinnen. Und sie waren jung. Und die aus dem Krieg zurückkamen waren verletzt, traumatisiert. Sie erzählen der Autorin vom Tod und vom Töten, von Blut, Dreck und Läusen. Von Verwundungen, Schmerz und Hunger. Von miserabler Ausrüstung und Kriegsverbrechen – und wie man sie vergessen hat, als es nach dem Krieg darum ging, die „Helden“ zu feiern. Es entstand ein erschütterndes Dokument einer ausgeblendeten Seite des Zweiten Weltkriegs: Die Rolle der über eine Million russischen Frauen in der Roten Armee.

Im selben journalistischen Stil erschienen weitere Bücher der Autorin, die das

„Leben auf den Trümmern des Sozialismus“(Secondhand-Zeit) nachzeichnen“:

Immer öfter verklären junge Menschen die sozialistische Vergangenheit, Stalin gilt wieder als großer Staatsmann. Die Autorin befragt Menschen, die sich von der Geschichte überrollt und betrogen fühlen. Wer das Russland von heute verstehen will, muss dieses Buch lesen.

„Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen“.

Die Schriftstellerin interviewte mehr als 500 Veteranen aus dem sowjetischen Afghanistankrieg und Mütter von gefallenen Soldaten. Der Titel Zinkjungen bezieht sich auf die toten Soldaten, deren Leichen in Zinksärgen zurückkamen. -

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“.

Über mehrere Jahre hat Swetlana Alexijewitsch mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl 1986 zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde.

Weiter erschienen in deutscher Sprache u. a.

„Im Banne des Todes. Geschichten russischer Selbstmörder“.

„Seht mal, wie ihr lebt. Russische Schicksale nach dem Umbruch.“

„Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg.“ -

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren, in Weißrussland lebend, erhielt für ihre in den Nachfolgeländern der Sowjetunion großen Teils unveröffentlichten weil verbotenen Bücher neben dem Nobelpreis für Literatur 2015 („für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“), auch den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Eva Liebchen

Aktualisierung:

Seit einigen Tagen hält sich Swetlana Alexijewitsch auf Einladung des DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) aus politischen und medizinischen Gründen in Berlin auf.

Foto: Elke Wetzig (Wikipedia)
Swetlana Alexijewitsch, weißrussische Schriftstellerin, Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2013, Nobelpreis für Literatur 2015, bei einem Gesprächsabend des Literaturhauses Köln

 
 

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