Ein spannender Blick in die queere Geschichte der SPD

Veröffentlicht am 31.07.2022 in Allgemein

Stephan Siegert, Petra Cardinal, Reinhard Naumann, Lutz Ermster (v. l. n. r.)

Ein lauer Sommerabend auf der Terrasse des AHA e.V. und spannende Einblicke in die Geschichte der Schwusos und SPDqueer: Das war der Rahmen für die Diskussion zum Thema „Von den Schwusos zur SPDqueer“ am 29. Juli 2022, zu der die Kreise Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg der SPD-Arbeitsgemeinschaft eingeladen haben. Petra Cardinal, langjährige Bundesvorsitzende der SPDqueer und Reinhard Naumann, ehemaliger Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, haben 40 Jahre queere Geschichte der SPD von den Anfängen 1978 bis heute Revue passieren lassen. Rüdiger Lautmann, der ebenfalls für die Diskussion vorgesehen war, musste krankheitsbedingt leider kurzfristig absagen.

Petra Cardinal und Reinhard Naumann berichteten über die Diskriminierung schwuler Männer in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland, die auch in der SPD nicht ausgeblieben war. Infolgedessen gründeten schwule Männer aus der Mitte der Jusos einen eigenen Arbeitskreis, der als Schwusos in die Geschichte der Partei einging. Von Anfang an stand bei den Schwusos die Abschaffung des sogenannten „Schwulenparagrafen“ 175 StGB im Mittelpunkt, der sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren unter Strafe stellte. Beleuchtet wurde auch die Frage, weshalb derselbe Paragraf bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen die Strafbarkeit bei lediglich unter 14jährigen sah. Petra Cardinal und Reinhard Naumann verwiesen auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1957, welches die Strafvorschriften gegen die männliche Homosexualität nicht als verfassungswidrig einstufte. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass der § 175 StGB weder gegen den Gleichheitssatz noch gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht verstoße. Zur Begründung wies das Gericht einen qualitativen Unterschied zwischen der männlichen und der weiblichen Homosexualität aus. Die männliche Sexualität sei stärker auf einen bloßen Lustgewinn gerichtet. Außerdem neige der homosexuelle Mann zu einem hemmungslosen Sexualbedürfnis. Männliche Jugendliche weisen eine höhere Anfälligkeit gegen Verführungen zum gleichgeschlechtlichen Sex auf. Die Bestätigung eines ehemaligen nationalsozialistischen Rechts durch das Bundesverfassungsgericht und die damit einhergehende Stigmatisierung schwuler Männer motivierte die Schwusos, aktiv gegen die Diskriminierung vorzugehen. Seit 1994 ist der § 175 StGB endlich Geschichte.

Auch aktuelle Themen wurden diskutiert wie beispielsweise das Selbstbestimmungsgesetz, welches gerade im Entwurf auf Bundesebene vorliegt. Das Gesetz, das das derzeitige Transsexuellengesetz abschaffen soll, wodurch künftig durch einfache Erklärung der eigene Personenstand geändert werden kann, sieht Altersgruppen mit unterschiedlichen Rechten vor. Dieser Aspekt war ebenfalls Gegenstand der Diskussion.

Das Publikum folgte der Einladung des Moderators und Kreisvorsitzenden der SPDqueer Tempelhof-Schöneberg, Stephan Siegert, sich an der Diskussion aktiv zu beteiligen. Viele äußersten nach der Veranstaltung den Wunsch nach einer Fortsetzung der Diskussion. Selbst eingefleischte Sozialdemokrat*innen teilten mit, dass einige Informationen für sie neu waren und es sehr genossen hatten, einen Blick in die Geschichte der Schwusos und SPDqueer miterleben zu dürfen.

 
 

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