Berlin wird älter. Der demografische Wandel wird uns vor große Herausforderungen stellen. Allerdings können Kürzungen im Sozialsystem nicht die einzige und auch nicht die vorrangige Reaktion auf die Veränderung des Bevölkerungsaufbaus sein. Investitionen in Bildung, in die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft und in die kommunale Infrastruktur sind mindestens ebenso wichtig, um mit den Folgen der alternden Gesellschaft zu Rande zu kommen.
Berlin kann insofern aufatmen, als dass der demografische Wandel hier weniger stark „zuschlägt“ als in vielen anderen Regionen in Deutschland – zumindest in der Zeitperspektive bis ca. 2020. Gerade unser weiteres Umland erlebt tiefe Einschnitte – die ländlichen Gegenden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt verwaisen und vergreisen. Nach Prognosen des Deutschen Städtetags verlieren Städte wie Magdeburg, Rostock, Chemnitz, Schwerin und Halle von 1992 bis 2020 ca. ein Fünftel ihrer ursprünglichen Bevölkerung. Berlin hingegen stabilisiert sich bei einer Bevölkerungszahl von rund 3,4 Millionen Menschen und verliert nach den Prognosen nur rund 2 Prozent ihrer Bevölkerung von 1992. Der Ballungsraum Berlin wird sogar wachsen – so soll Potsdam ca. 5 Prozent zulegen.
Was für Berlin gilt, trifft auch für unseren Bezirk zu. Tempelhof-Schöneberg verliert in allen Stadtteilen nur geringfügig, um ca. ein Prozent der bisherigen Bevölkerung bis zum Jahr 2020.
Spannender ist, was innerhalb der Altersgruppen passiert: Nach den Prognosen, die dem Bezirksamt vorliegen, werden die Altersgruppen der 65 bis 75Jährigen (von 8,7 auf 10,7 Prozent der Gesamtbevölkerung) sowie der über 75 Jährigen (von 7,4 auf 9,9 Prozent) deutlich zunehmen. Doch auch die Erwerbsbevölkerung altert: Der Anteil der 45 bis unter 60Jährigen an der Gesamtbevölkerung steigt von 21,5 auf 22,9 Prozent. Die jüngere Gruppe im erwerbsfähigen Alter verliert hingegen deutlich: Die 25 bis unter 45Jährigen sinken um deutliche 4 Prozent auf ca. 28 Prozent der Gesamtbevölkerung. Tempelhof-Schöneberg wird, was den Nachwuchs angeht, vom hohen Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung profitieren. Jedenfalls wird die Zahl der unter 18 Jährigen insgesamt nur um 1,2 Prozentpunkte sinken, diese Altersgruppe wird im Jahr 2020 rund 14 Prozent der Tempelhof-Schöneberger/innen stellen, und gleichzeitig wird der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen deutlich steigen.
Schöneberg altert deutlich stärker als Tempelhof: Das liegt schlicht daran, dass Schöneberg heute deutlich „jünger“ als Tempelhof ist und der südliche Teil des Bezirks den demografischen Wandel im Vergleich zum Norden „vorgezogen“ hat. Auf eines muss man hinweisen: Ab dem Jahr 2020 wird sich der demografische Wandel beschleunigen, es ist zu erwarten, dass dann die Bevölkerungszahl und die Zahl der Erwerbsfähigen deutlich sinkt – das liegt daran, dass nach dem Jahr 2020 die geburtenstarken Jahre der Nachkriegszeit ins Rentenalter und in die Lebensphase kommen, in der die Sterberate stark steigt.
Welche Schlussfolgerungen können daraus für die Kommunalpolitik gezogen werden?
- Ein wichtiger Aspekt wird sein, sich um die alternde Erwerbsbevölkerung zu kümmern. Qualifizierung und Fortbildung auch im fortgeschritteneren Alter wird für Berlin und für den Bezirk von großer Bedeutung sein, um auch im demografischen Wandel den Unternehmen im ausreichenden Umfang wettbewerbsfähiges Personal bieten zu können.
- Angesichts der Tatsache, dass die Kinder mit Migrationshintergrund einen steigenden Anteil unseres Nachwuchses stellen werden, wird die Frage, ob wir diese Kinder erfolgreich in unser Bildungswesen integrieren, ausschlaggebend für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Stadt sein. Die Integration muss gelingen, sonst werden wir das Potenzial der Menschen mit Migrationshintergrund und der „neuen Deutschen“ nicht nutzen können. Wenn wir hier versagen, nehmen wir einer großen Gruppe der Einwohner/innen ihre Lebenschancen und schneiden die Wirtschaft vom Nachwuchs ab.
- Seniorenpolitik wird komplexer. Das liegt unter anderem daran, dass „Altern“ mittlerweile mehrere Phasen umfasst – vitale Senior/innen haben andere Bedürfnisse und Potenziale als Hochaltrige über 80 Jahre. Bei ersteren geht es meistens vorrangig darum, sie diskriminierungsfrei und ohne sie zu überfordern ins öffentliche Leben zu integrieren – das heißt, ihren Willen zum Mitmachen anzunehmen und zu nutzen. Bei den Hochaltrigen steht häufig im Mittelpunkt, dass die Gemeinschaft ihnen Angebote machen muss, mit denen sie noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und die ihre Würde wahren.
Daneben wird sich ein bereits heute bestehendes Problem noch deutlich verschärfen: Die Einkommensspreizung im Alter wird aufgrund der Rentenkürzungen und aufgrund der sich stark differenzierenden Erwerbsverläufe der Senior/innen deutlich zunehmen. Die Teilhabechancen im Alter werden also sehr unterschiedlich verteilt sein, und darauf muss Politik reagieren. Angebote der Seniorenbetreuung und Seniorenvertretung dürfen keine elitäre Veranstaltung derjenigen werden, die jung und wohlsituiert sind. -
Weil die Bevölkerung in den Ortsteilen des Bezirks unterschiedlich stark altert, die Aufgabe der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in den Ortsteilen differenzierte Antworten verlangt und auch die Einkommensentwicklung in den Ortsteilen unterschiedlich ausfallen wird, wird die Sozialraumorientierung an Bedeutung gewinnen. Schulen, Jugendarbeit, Angebote für Senior/innen – eine Antwort, ein Modell für den ganzen Großbezirk wird nicht reichen.
Die BVV-Fraktion hat sich auf ihrer Fraktionsklausur im Februar zum ersten Mal ausführlich mit dem demografischen Wandel beschäftigt. Das Bezirksamt wiederum hat auf Initiative des Bezirksbürgermeisters erfolgreich beim Senat Projektmittel beantragt und wird ein Leitbild für Tempelhof-Schöneberg im demografischen Wandel erarbeiten. Die SPD hat das Thema damit sehr frühzeitig auch für die bezirkliche Politik entdeckt.
Ansprechpartner: Ingo Nürnberger, ingo-nuernberger@spd-online.de